Dr. Ulrich Winter beantwortet Ihre und Eure Fragen zu erotischen Lifestyle-Themen, Partnerschaft und Sexualität!
Dr. Ulrich Winter, psychologischer Berater & Lifestyle Coach
Liebe Happy Weekender,
ich bin Dr. Ulrich Winter und ich begrüße Sie zu meiner Kolumne „Frag doch Dr. Winter“. In jeder Ausgabe der Happy Weekend beantworte ich Ihre Fragen zu Partnerschaft und Sexualität. Keine Frage ist zu heiß, kein Thema zu pikant – vertrauen Sie mir, ich bin für Sie da.
Ihr und Euer
Ulrich Winter
Heute beantworte ich den Leserbrief von Dorothée (45) aus Gotha. Sie schreibt:
Lieber Dr. Winter, vor einiger Zeit habe ich eine seltsame Neigung für BDSM-Praktiken entwickelt, über die ich gerne mit Ihnen sprechen möchte. Dabei handelt es sich um absolutes hartes und geradezu verstörendes Zeug, das ich als »Normalo« fast schon als geisteskrank bezeichnen würde. Es geht um Praktiken, bei denen sich Frauen die Nippel und sogar die Klitoris mit Nadeln durchbohren lassen, bei denen die Muschi mit Nadel und Faden zugenäht wird, Praktiken, bei denen wirkliche Schmerzen verspürt werden und richtiges Blut fließt.
Letztens habe ich mir eine Szene angeschaut, bei der der Teilnehmerin zunächst Fleischspieße mit einem Hammer durch die Titten getrieben wurden und man ihr zu guter Letzt dann noch Metzgerhaken durch die Euter gesteckt und sie daran aufgehängt hat. Ich verspüre, wenn ich mir diese Szenen anschaue, keine Lust oder Befriedigung, mir läuft dabei viel mehr ein unbehaglicher Schauer über den Rücken. So etwas wie eine Erleichterung, diese Qual nicht selbst erleiden zu müssen. Ich habe auch nicht den Wunsch, so etwas an mir durchführen zu lassen oder es selbst bei jemand anderem zu tun. Aber diese Szenen üben eine morbide Faszination auf mich aus. Ich kann nachvollziehen, dass manche Menschen aus Dominanzspielen einen sexuellen Lustgewinn ziehen, aber daraus, sich physisch schwer verletzen zu lassen? Das will mir nicht in den Kopf.
Vielleicht können Sie mir da auf die Sprünge helfen und mir folgende Fragen beantworten: Warum lassen sich Frauen freiwillig solche Schmerzen zufügen? Welche Verbindung besteht zwischen den Schmerz- und dem Lustzentrum im menschlichen Gehirn? Und vielleicht können Sie mir dabei auch noch erklären, warum ich davon so fasziniert bin, obwohl es für mich selbst im Leben nicht in Frage käme, die gleichen Prozeduren über mich ergehen zu lassen. Vielen Dank.«««
Ulrich Winter antwortet: Liebe Dorothée, was Sie beschreiben, fällt in den Bereich des Hardcore-BDSM oder Edgeplay – Praktiken, die bewusst an die Grenzen des Erträglichen gehen und oft mit realen Schmerzen, Blut oder sogar Verletzungen einhergehen. Dass Sie sich davon gleichzeitig angezogen und abgestoßen fühlen, ist kein Widerspruch, sondern ein völlig normales Phänomen, das viel über die Komplexität unserer Psyche aussagt.
Für Außenstehende wirkt es oft unverständlich, warum jemand freiwillig Schmerzen erleiden möchte – besonders, wenn diese Schmerzen so intensiv sind, dass sie an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gehen. Doch für diejenigen, die solche Praktiken ausüben, hat das nichts mit Selbstzerstörung zu tun, sondern mit einer tiefen, oft sogar spirituellen Erfahrung von Lust, Kontrolle und Transzendenz. Manche Menschen beschreiben extreme BDSM-Erfahrungen als eine Art Out-of-Body-Experience – ein Zustand, in dem sie sich von ihrem Körper lösen und eine tiefe emotionale oder sogar spirituelle Erfüllung spüren. Der Schmerz wird dabei zum Tor zu einer anderen Bewusstseinsebene, ähnlich wie bei bestimmten religiösen Ritualen oder Trancezuständen. Es geht nicht um die Verletzung an sich, sondern um das, was dahinter liegt: ein Gefühl von Befreiung, Klarheit oder sogar Erlösung.
Wissenschaftlich betrachtet, sind Schmerz und Lust eng miteinander verwoben – und das nicht nur metaphorisch, sondern neurologisch. Im Gehirn liegen die Areale, die Schmerz und Lust verarbeiten, direkt nebeneinander und sind über Nervenbahnen sogar miteinander verbunden. Das erklärt, warum Schmerz unter bestimmten Umständen in Lust umschlagen kann. Studien zeigen, dass Schmerzreize dieselben Hirnregionen aktivieren wie sexuelle Erregung – insbesondere den Nucleus accumbens, der für Belohnung und Motivation zuständig ist. Wenn der Körper Schmerzen erlebt, schüttet er Endorphine aus – das sind körpereigene Opiate, die nicht nur den Schmerz lindern, sondern auch ein intensives Glücksgefühl auslösen. Gleichzeitig wird Adrenalin freigesetzt, das zu einem Rauschzustand führen kann, ähnlich wie bei Extremsportlern oder in lebensbedrohlichen Situationen. Für manche Menschen ist dieser Kick so stark, dass die Grenze zwischen Schmerz und Lust verschwimmt – und genau das ist der Reiz.
Dass Sie selbst keinen Wunsch verspüren, diese Praktiken auszuprobieren, sie aber trotzdem eine Faszination auf Sie ausüben, ist ein klassisches Beispiel für die Ambivalenz von Abscheu und Anziehung – ein Phänomen, das Psychologen als Morbid Curiosity bezeichnen. Extreme BDSM-Praktiken überschreiten alltägliche Vorstellungen von Lust und Schmerz. Das weckt eine grundlegende menschliche Neugier: Wie kann jemand das aushalten? Was fühlt man dabei? Diese Fragen beschäftigen uns, weil sie an die Grenzen unseres eigenen Erlebens stoßen.
Es ist ähnlich wie bei Horrorfilmen oder extremen Sportarten: Wir wollen verstehen, was jenseits unserer eigenen Erfahrung liegt – ohne es selbst erleben zu müssen. Es ist, als würden Sie einen Abgrund betrachten: Sie sind gleichzeitig davon angezogen und froh, nicht hineinzufallen.
Die menschliche Psyche ist programmiert, sich für das Extreme zu interessieren – sei es in Form von Gewalt, Sexualität oder gefährlichen Situationen. Das hat evolutionäre Gründe: Unser Gehirn will Gefahren verstehen, um sie einerseits zu vermeiden, andererseits aber auch deshalb, um die eigenen Tabus und Grenzen zu definieren. Dies ist ein völlig natürlicher Impuls, der uns alle antreibt, die Welt – und uns selbst – besser zu verstehen. Ihre Fragen sind demnach ein Zeichen für Offenheit und für eine reflektierte und vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Unbekannten. Eine Geisteshaltung, zu der ich Sie nur beglückwünschen kann.
Falls Sie noch mehr über die psychologischen Hintergründe wissen möchten, könnte das Buch »Techniques of Pleasure: BDSM and the Circuits of Sexuality« von Margot Weiss (nur in Englisch) oder »Komm, wie du willst: Das neue Frauen-Sex-Buch« von Emily Nagoski, das sich mit weiblicher Lust und Tabus beschäftigt, spannend für Sie sein. Und falls Sie das Bedürfnis haben, Ihre Faszination weiter zu erkunden, ohne selbst aktiv zu werden, gibt es BDSM-Communities oder Workshops, in denen Sie mehr über die Motive und Erfahrungen anderer lernen können.
Und das war es auch schon wieder für diese Ausgabe von Happy Weekend.
Herzliche Grüße und viel Spaß – miteinander oder allein,
Ihr und Euer
Ulrich Winter
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