Heute schreibt mir Bettina (42) aus Osnabrück:
»Lieber Dr. Winter, mein Ex-Mann und ich sind das gewesen, was man wohl eine
Sandkastenliebe nennt. Wir kannten uns seit Kindertagen und wurden ein Paar, als wir beide
15 gewesen sind. Mit 18 haben wir geheiratet und waren 22 Jahre verheiratet, bis mich
Torsten Hals über Kopf vor zwei Jahren verlassen hat. Für mich war das natürlich ein riesiger
Schock, weil ich das nie im Leben habe kommen sehen. Wir waren ein glückliches Paar,
beruflich erfolgreich, finanziell gut ausgestattet, viel auf gemeinsamen Reisen und hatten
auch ein erfülltes Sexleben. Weder hatten wir Streit noch habe ich Anzeichen gesehen, dass
er unglücklich wäre. Es war einfach vorbei, von heute auf morgen. Ohne dass ich die echten
Gründe jemals erfahren habe.
Inzwischen ist die Scheidung durch und meine Trauer habe ich irgendwo auch überwunden,
aber es bleibt für mich ein großes Problem zurück: Ich habe tierische Bindungsängste. Nicht
nur, dass ich mich davor fürchte, eine neue Partnerschaft einzugehen, weil ich Angst davor
habe, wieder sitzen gelassen zu werden, nein, ich kann auch Sex nicht mehr genießen. Ich
hatte im letzten Jahr auch zwei Ficktreffs, die ich über den Happy Weekend-Club gefunden
hatte, aber ich empfand gar nichts dabei. Ich war jedes Mal eigentlich ziemlich geil, aber als
es dann ernst wurde, da war bei mir die Lust wie weggefegt. Ich habe Angst davor, mich
benutzen und dann wegwerfen zu lassen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Es ist ein
beklemmendes Gefühl und ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Können Sie mir bitte
einen Rat geben?«
Ulrich Winter antwortet: Liebe Bettina, dein Brief hat mich tief bewegt, denn er erzählt von
einer Liebe, die so früh begann, dass sie sich wie ein zweites Ich anfühlen musste – und von
einem Verlust, der nicht nur eine Ehe, sondern eine Lebensgewissheit beendete. Ihr wart
nicht nur ein Paar, ihr wart eine Geschichte, eine, die mit fünfzehn begann und die du dir
wohl bis ans Lebensende fortgeschrieben hattest. Dass Torsten diese
Geschichte so plötzlich beendete, ohne dass du es kommen sahst oder
auch nur ansatzweise verstehen konntest, ist nicht nur ein Trennungs-, sondern ein
Identitätsbruch. Du hast nicht nur deinen Mann verloren, sondern auch das Bild von dir selbst
als jemand, der geliebt und gewählt wird. Das erklärt, warum diese Wunde so tief sitzt – und
warum sie sich jetzt in deinen Bindungsängsten und deiner sexuellen Blockade zeigt.
Ein besonders schmerzhafter Aspekt an Torstens Verhalten ist, dass es eine radikale Form
des Ghostings darstellt – dieses plötzlichen Verschwindens ohne Erklärung, das so viele
Menschen heute in Beziehungen erleben. Ghosting hinterlässt eine besonders schmerzhafte
Wunde, weil es dem Verlassenen keine Möglichkeit zur Verarbeitung gibt. Dein Gehirn sucht
verzweifelt nach einer Erklärung, nach einem Abschluss, nach etwas, das den Verlust
sinnhaft macht. Aber es gibt keine. Und so bleibt nur diese quälende Frage: »Was habe ich
falsch gemacht?« Doch hier ist die Wahrheit, Bettina: Es lag nicht an dir. Torstens
Entscheidung sagt mehr über ihn aus als über dich. Menschen, die so handeln, haben oft
selbst tiefe Ängste – vor Konflikt, vor Verantwortung, vor der eigenen Unzufriedenheit. Sie
wählen den leichten Weg: Flucht statt Auseinandersetzung. Das ist seine Unfähigkeit, nicht
deine Unwürdigkeit.
Deine Ängste sind keine Schwäche, sondern eine natürliche Schutzreaktion. Dein
Unterbewusstsein hat aus der Trennung gelernt: »Wenn ich mich auf jemanden einlasse,
kann ich jederzeit fallen gelassen werden – ohne Vorwarnung, ohne Erklärung.« Deshalb
blockst du jetzt, sobald sich Nähe oder Intimität anbahnt. Dass du bei deinen Ficktreffs Lust
empfandest, aber im entscheidenden Moment »abschaltest«, ist kein Zufall: Dein Körper
weigert sich, sich hinzugeben, weil Hingabe für dich jetzt mit der Gefahr des Verlusts
verbunden ist. Dein Problem ist nicht, dass du keine Lust hast – sondern dass dein
Unterbewusstsein Nähe mit Verletzlichkeit gleichsetzt. Sex war für dich früher Teil einer
vertrauten, liebevollen Dynamik. Jetzt fühlt er sich nicht mehr wie Geborgenheit, sondern
wie Bedrohung an. Das ist kein Versagen, sondern ein Überlebensmechanismus – auch
wenn er dir jetzt im Weg steht.
Was du jetzt tun kannst, ist, Schritt für Schritt zurück ins Vertrauen zu finden. Deine Ängste
werden nicht über Nacht verschwinden, aber du kannst lernen, dich nicht mehr von ihnen
bestimmen zu lassen. Ein erster Schritt könnte sein, dir zu erlauben, zu trauern – aber nicht
für immer. Du hast die Trauer um die Beziehung überwunden, aber vielleicht ist da noch eine
Trauer um das verlorene Selbstbild: die Frau, die sich sicher war, geliebt zu werden. Diese
Trauer darf Raum haben. Schreib einen Brief an dein früheres Ich und erinnere dich daran:
Du hast nicht versagt, nur weil eine Beziehung endete. Du warst nicht perfekt – aber das
muss man in einer Beziehung auch nicht sein. Torsten hat dich
verlassen, ohne dir eine Chance zur Veränderung oder sogar nur zur
Erklärung zu geben. Das zeigt vor allem seine Unfähigkeit, mit Konflikten umzugehen.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist, »sichere« Nähe ohne Druck zu üben. Dein Körper braucht
jetzt positive Erfahrungen mit Nähe, die nicht mit Verlustängsten verbunden sind. Fang kleiner an: Massagen (nicht erotisch, sondern entspannend) können dir helfen, Berührung wieder als etwas Angenehmes zu erleben. Tanzen (z. B. in einem Kurs) ermöglicht Körperkontakt, der spielerisch und ohne Verpflichtung ist. Selbstberührung (ohne Orgasmus-Ziel) kann dir helfen, deinen Körper wieder als sicheren Ort zu erleben.
Du könntest auch versuchen, Sex neu zu definieren und Lust ohne Verpflichtung zu erleben.
Dein Problem ist nicht mangelnde Lust, sondern die Angst vor Hingabe. Versuche, Sex
erstmal ohne Erwartungen zu erleben: Treff dich mit jemandem, bei dem du keine emotionale
Bindung aufbauen willst (z. B. über die Happy Weekend oder den Happy Weekend-Club),
aber setze klare Regeln: Kein Küssen, keine Übernachtung, kein Kontakt danach. Fantasien
oder Rollenspiele (z. B. als »Fremde« in einem Hotel) geben dir das Gefühl, die Kontrolle
zu behalten. Sextoys oder Erotikliteratur können Lust wecken, ohne dass ein realer Partner
(und damit die Angst vor Verlust) im Spiel ist.
Falls du merkst, dass du allein nicht weiterkommst, könnte eine Therapie oder Selbstreflexion
helfen. Deine Blockade ist ein Schutzmechanismus. Eine Therapie (z. B. körperorientierte
Psychotherapie) könnte dir helfen, diese Ängste als Beschützer zu verstehen, die jetzt
übervorsichtig sind und dich daher an deiner persönlichen (Weiter-)Entwicklung hindern.
Alternativ könntest du ein »Angst-Tagebuch« führen: Notiere, wann die Angst aufkommt
(z.B. beim Küssen) und was genau du fürchtest (»Er wird mich nach dem Sex fallen lassen«).
Oder schreib einen Brief an Torsten (den du nicht abschickst) mit all den Fragen, die du nie
beantwortet bekommen hast.
Wenn du dich irgendwann wieder auf eine Partnerschaft einlassen willst, gehe neue
Beziehungen langsam an. Du musst nicht von heute auf morgen mit jemandem eine feste
Bindung eingehen. Ein hilfreicher Ansatz kann sein, zunächst Freundschaft aufzubauen,
bevor du an Romantik denkst. Kommuniziere deine Ängste: »Ich hatte eine schmerzhafte
Trennung und brauche Zeit.« Die richtigen Menschen werden Verständnis zeigen und deinen
Wunsch respektieren.
Dein Nervensystem ist noch im Alarmmodus, aber es ist lernfähig. Wenn du ihm langsam
zeigst, dass Nähe nicht gleichbedeutend mit Verlust ist, wird es irgendwann Intimität auch wieder mit Entspannung statt Bedrohung verbinden. Denk daran:
Torstens Ghosting hat dich nicht unliebenswert gemacht. Es hat dir nur
gezeigt, dass auch die tiefste Verbindung kein Garant für Beständigkeit ist – aber das gilt für
jede Beziehung. Egal, wie lang oder kurz sie gewesen ist. Die Frage ist nicht, ob du wieder
verletzt wirst (das Risiko besteht immer), sondern ob du bereit bist, trotzdem zu leben – und
vielleicht irgendwann wieder zu lieben. Dich und einen anderen Partner.
Du hast schon bewiesen, dass du stark bist: Du hast eine plötzliche Trennung nach 22 Jahren
glücklicher Ehe durchgestanden und dich sogar getraut, neue Erfahrungen zu machen. Das
ist Mut. Jetzt geht es darum, diesem Mut wieder zu vertrauen – Stück für Stück.
Ich hoffe, diese Worte helfen dir, Bettina. Du bist nicht gebrochen – du bist im Wiederaufbau.
Und das ist ein Prozess, der Zeit braucht, aber auch viele schöne Überraschungen bereithält.
Vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen – aber irgendwann wirst du wieder spüren, dass
Nähe sicher sein kann. Bis dahin: Sei geduldig mit dir. Du hast es verdient.
Und das war es auch schon wieder für diese Ausgabe von Happy Weekend.
Herzliche Grüße und viel Spaß – miteinander oder allein,
Ihr und Euer
Ulrich Winter
E-Mail:
Oder
Briefpost:
VPS Film-Entertainment GmbH
Dr. Winter
Bockhofstr. 31
66909 Herschweiler-Pettersheim