Der heutige Leserbrief erreicht mich von Jana (25) aus Siegen. Sie schreibt:
»Lieber Dr. Winter,
ich hatte vor ein paar Monaten ein Erlebnis, das mich seitdem beschäftigt und von dem ich
nicht weiß, wie ich damit umgehen soll: Ich war gerade zu Fuß auf dem Nachhauseweg von
einem kleinen Mädelsabend mit Freundinnen, als sich ungefähr auf der Hälfte der Strecke
zwischen unserem Stammitaliener und meiner Wohnung meine Blase meldete. Zuerst dachte
ich, dass ich es locker nach Hause schaffen würde, irgendwann wurde mir allerdings
schmerzlich bewusst, dass das ganz, ganz eng werden würde. Ich versuchte zwar, mich zu
beeilen und lief schneller, aber so etwa 500 Meter vor meiner Wohnung ging es einfach nicht
mehr, es länger zu halten und habe es einfach in meine Jeans laufen lassen müssen. Die
Brühe lief mir die Beine runter, saugte meine Jeans voll, lief mir zum Schluss in meine
Schuhe, und am Ende stand ich Abends um halb zwölf mitten auf dem Bürgersteig in einer
Pissepfütze. Und obwohl mir die Sache natürlich furchtbar peinlich gewesen ist, fand ich es
irgendwie auch geil. Also hab ich meinem Impuls nachgegeben, mich an eine Hauswand
gelehnt und mich mitten auf der Straße selbst befriedigt.
Seitdem hab ich irgendwie nen Schaden weg: Ich sitz oft im Büro und geh nach 12 nicht
mehr aufs Klo, damit ich mir zuhause ordentlich in die Hose machen und mich abwichsen
kann. Allein wenn ich daran denke, werd ich schon feucht und kann kaum an mich halten.
Wenn ich allein wär, dann hätt ich vielleicht ja kein Problem damit. Aber ich hab einen Freund,
dem ich das ja irgendwie beibringen muss, was ich da für mich entdeckt habe. Und eigentlich
würd es mir gefallen, wenn er meinen Kink mitmachen würde. Ich würd nämlich gern wissen,
wie es aussieht, wenn er einfach mal laufen lässt und ob mich das bei ihm auch so geil macht
wie bei mir. Haben Sie vielleicht einen Rat für mich, Dr. Winter?«
Ulrich Winter antwortet: Liebe Jana, was Sie beschreiben, ist eine
Facette der Sexualität, die häufiger vorkommt, als Sie denken, über die aber
selten offen gesprochen wird. Ihr Erlebnis und die damit verbundene Erregung lassen sich
als eine Mischung aus Tabubruch, Kontrollverlust und erotischer Selbstentdeckung
verstehen. Ihr erstes Erlebnis, bei dem Sie sich auf dem Nachhauseweg einnässten und
dies mit einer starken sexuellen Erregung verknüpften, berührt mehrere psychologische und
erotische Aspekte:
Zunächst einmal geht es um den Reiz des Verbotenen. Das unfreiwillige und später freiwillige
Einnässen bricht mit gesellschaftlichen Normen von Sauberkeit und Kontrolle. Für viele
Menschen ist genau dieser Bruch mit Konventionen erotisch aufgeladen, ähnlich wie bei
Exhibitionismus oder bestimmten Rollenspielen. Es geht um das Adrenalin, das freigesetzt
wird, wenn man etwas tut, das eigentlich nicht erlaubt ist, und die damit verbundene Lust.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Spiel mit Kontrolle und Kontrollverlust. Sie haben
zunächst versucht, Ihre Blase zu kontrollieren, und dann bewusst losgelassen. Diese
Dynamik aus Kampf und Hingabe ist ein klassisches erotisches Muster, das auch in anderen
Praktiken wie Bondage vorkommt, wo jemand die Kontrolle abgibt und dieses Loslassen mit
Lust verbunden ist. Zudem könnte das Gefühl der Demütigung oder des »Schmutzigseins«
eine Rolle spielen. Das Stehen in einer Pfütze auf dem Bürgersteig war nicht nur peinlich,
sondern auch erniedrigend. Für manche Menschen ist diese Demütigung oder das Gefühl,
»unartig« zu sein, ein starker Turn-on.
Wichtig ist dabei, dass dies nur problematisch ist, wenn es Sie belastet oder Sie keine
Kontrolle darüber haben. Bei Ihnen klingt es jedoch nach einer bewussten und lustvollen
Erfahrung. Jetzt geht es darum, wie Sie diese neue Facette Ihrer Sexualität mit Ihrem Freund
teilen können. Das ist der wichtigste Punkt, denn Sie möchten, dass er Ihre Lust teilt oder
zumindest akzeptiert. Hier ein paar Gedanken dazu:
Zuerst sollten Sie für sich selbst klären, was genau Sie an dieser Erfahrung erregt. Ist es die
Demütigung, der Kontrollverlust oder das Tabu? Möchten Sie, dass er Sie dabei beobachtet
oder selbst mitmacht? Wie würden Sie sich fühlen, wenn er sagt, dass das nichts für ihn ist?
Diese Fragen helfen Ihnen, Ihre eigenen Bedürfnisse besser zu verstehen.
Wenn Sie mit Ihrem Freund darüber sprechen möchten, wählen Sie einen entspannten
Moment, allerdings nicht direkt nach dem Sex. Nutzen Sie Ich-Botschaften, wie zum Beispiel:
»Weißt du, ich habe vor einiger Zeit etwas an mir entdeckt, das mich wirklich erregt, und ich
würde gern mit dir darüber reden, weil du mir wichtig bist.« Erklären Sie ihm, was genau Sie
erregt, und fragen Sie, ob er sich vorstellen kann, es auszuprobieren.
Vielleicht ist er neugierig und möchte mehr darüber wissen. Falls er nicht
mitmachen möchte, akzeptieren Sie das. Nicht jeder teilt dieselben Fantasien und Kinks.
Möglicherweise täte es Ihnen auch gut, zunächst mit anderen vertrauten Personen über Ihr
Erlebnis zu sprechen. Sie müssen ja nicht mit der Tür ins Haus fallen, aber Sie könnten
andeuten, dass Sie eine sexuelle Phantasie haben, die Sie mit Ihrem Freund gemeinsam
ausleben möchten, aber nicht wissen, wie Sie das Thema ansprechen sollen. Vielleicht hat
eine Ihrer Freundinnen ebenfalls schon eine solche Situation erlebt und kann aus eigener
Erfahrung sprechen.
Auch wenn Sie meiner Einschätzung nach von diesem Punkt nicht betroffen sind, so will ich
Sie und die Leser darauf hinweisen, dass es ratsam ist, in sich selbst hineinzuhören: Eine
sexuelle Facette, gerade wenn sie neu entdeckt wurde, spannend und erregend ist, sollte
sich keinesfalls zum Zwang entwickeln und mit wiederkehrenden, belastenden Gedanken
einhergehen. Dies wäre ein Warnsignal, das man nicht ignorieren sollte, sondern das dazu
auffordert, sich beispielsweise bei einer Sexualberatung Unterstützung zu suchen.
Ihre Sexualität ist jedenfalls nichts, was Sie verunsichern sollte oder wofür Sie sich schämen
müssen. Sie ist ein Teil von Ihnen und solange alle Beteiligten einverstanden und glücklich
sind, gibt es kein Richtig oder Falsch. Ihre Lust ist ein Geschenk, das Sie erkunden dürfen.
Und das war es auch schon wieder für diese Ausgabe von Happy Weekend.
Herzliche Grüße und viel Spaß – miteinander oder allein,
Ihr und Euer
Ulrich Winter
Briefpost:
VPS Film-Entertainment GmbH
Dr. Winter
Bockhofstr. 31
66909 Herschweiler-Pettersheim
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